Journalist*innen in Deutschland sind sich problematischer Migrationsnarrative überwiegend sehr bewusst, und arbeiten ihnen im Redaktionsalltag teils aktiv entgegen. Das zeigt ein neues, qualitatives Interviewpaper, das die Arbeitsgruppe Narrative Change im Rahmen des Kooperationsverbunds Vielfalt und Zusammenhalt (KVVZ) zusammengestellt hat. Entscheidend für den Spielraum, den Journalist*innen für differenzierte Berichterstattung haben, ist demnach weniger die individuelle Haltung als die strukturelle Verfasstheit ihrer Redaktion.
Für das Paper führte die Arbeitsgruppe acht leitfadengestützte Interviews mit Journalist*innen aus lokalen, regionalen und überregionalen Medienhäusern, von der Regionalzeitung über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis zur Nachrichtenagentur. Wiederkehrende Deutungsmuster wie das Nützlichkeits- oder das Bedrohungsnarrativ sind demnach in Redaktionen weiterhin präsent, werden von vielen Journalist*innen jedoch erkannt und bewusst hinterfragt.
Redaktionen mit größerer Unabhängigkeit von Klickzahlen und wirtschaftlichem Druck berichten von mehr Freiheit, Migrationsthemen jenseits eingefahrener Muster zu behandeln. Redaktionen mit stärkerer Bindung an ein breites, teils migrationsskeptisches Publikum beschreiben dagegen einen ständigen Aushandlungsprozess zwischen Qualitätsanspruch und ökonomischem Druck. Auch rechtspopulistischer Druck auf die redaktionelle Agenda zieht sich durch mehrere Gespräche: Manche Redaktionen wappnen sich bewusst dagegen, andere finden ihren Zugang zum Thema Migration überhaupt erst über die parteipolitische Debatte. Als weitere Leerstelle benennt die Studie fehlende migrantische Perspektiven in den Redaktionen selbst.
Aus den Interviews leitet die Arbeitsgruppe fünf Ansatzpunkte für ihre weitere Arbeit ab: der Aufbau professioneller, schnell erreichbarer Ansprechstrukturen; das aktive Zutragen von Alltags- und Erfolgsgeschichten; gezielte Arbeit mit wenig organisierten Communities; Kooperation mit strukturell freieren Redaktionen; sowie die kritische Prüfung genutzter Narrative zugunsten tragfähigerer Alternativen zum reinen Nützlichkeitsnarrativ.
Über den Kooperationsverbund Vielfalt und Zusammenhalt (KVVZ):
Der Kooperationsverbund Vielfalt und Zusammenhalt (KVVZ) engagiert sich für ein gesellschaftliches Klima, das Vielfalt als Normalität begreift und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Die Arbeitsgruppe Narrative Change entwickelt im Rahmen des Verbundes Ansätze, um problematischen gesellschaftlichen Narrativen über Migration und Integration nicht nur zu widersprechen, sondern eigene, tragfähige Narrative zu setzen. Der Kooperationsverbund besteht aus den folgenden Trägern: Türkische Gemeinde in Deutschland e.V. (TGD), Bundesverband russischsprachiger Eltern e.V. (BVRE), Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen e.V. (BKMO), Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland e.V. (DaMOst), neue deutsche organisationen e.V. (ndo) – das postmigrantische Netwerk, Polnischer Sozialrat e.V. (PSR)
Die vollständige Studie kann auf Anfrage unter medien@neue-deutsche-organisationen.de zur Verfügung gestellt werden.
